Wissenschaft & Politik Der Wissenschafts-Blog des Karl-Renner-Instituts

Buchpräsentation mit Klaus Dörre: „In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte“

In der ersten RI Lunch Lecture des Jahres stellte Klaus Dörre, Soziologie-Professor an der Universität Jena, sein neues Buch vor: Ein Streifzug durch mehr als drei Jahrzehnte Rechtsextremismus-Forschung. Und er formulierte konkrete Vorschläge, wie progressive Bewegungen mit rechten Tendenzen in der Arbeiter_innenschaft umgehen können.

„Ich wäre glücklich, wenn das Buch ein wenig dazu beitragen könnte, die Debatte um rechte Arbeiter*innen von der Hermeneutik des Verdachts zu befreien“, schreibt Klaus Dörre im Vorwort zum Buch. Das ist der Grund, warum er dieses Buch geschrieben hat. Aber was meint er damit? Dörre kritisiert, wie die Rechtspopulismus-Debatte in Deutschland aktuell geführt wird: Nämlich dass jede Person, die sich zum Thema äußert, sofort in eine von zwei Schubladen gesteckt wird – und damit unter Verdacht steht, einen ganzen Rattenschwanz an Meinungen mit-zu-behaupten.

Der eine Rattenschwanz klingt in etwa so: „Wer sagt, dass Arbeiter_innen aus Protest rechts wählen – also deswegen, weil sie sich im politischen System nicht mehr wiederfinden – verharmlost Rassismus. Rassismus ist nicht eine legitime Form von Notwehr der Ausgegrenzten und Abgehängten, sondern gefährlich und muss bekämpft werden!“

Die Gegenposition dazu lautet: „Wer Weltoffenheit und durchlässige Grenzen will, verrät die kleinen Leute. Unsere Leute sind die, die hier in ihren lokalen Gemeinschaften leben. Um rechte Arbeiter_innen wiederzugewinnen müssen wir an deren Lebenswelt andocken: Unsere Löhne, unser Sozialsystem wird durch Globalisierung und Migration bedroht!“

Was auch immer man zum Thema sagt: Entweder verharmlost man Rassismus, oder man verrät die einfachen Leute. Gegen diese Form der Debatte, gegen diese „Hermeneutik des Verdachts“ stellt sich Dörre mit seinem Buch, da sie eine fruchtbare Analyse und Diskussion von Klassenverhältnissen verunmöglicht.




Wie hängen also Klassenverhältnisse und rechte Ideologie zusammen?

Das Buch bietet einen Streifzug durch mehr als drei Jahrzehnte Rechtsextremismus-Forschung, stellt Forschungsfragen und Erkenntnisse in den Zusammenhang globaler, nationaler und lokaler Entwicklungen, und präsentiert in mehreren Etappen zentrale Thesen zum Thema. Die Grundfrage ist dabei durchgehend die gleiche: Wie kann es sein, dass immer mehr Arbeiter_innen – und zwar auch gewerkschaftlich organisierte und aktive Arbeiter_innen – mit rechten Ideen sympathisieren und rechtsradikale Parteien wählen?

Eine wesentliche Erkenntnis: In der globalisierten Welt organisiert sich das Kapital global und Arbeit national. Unter dem erpresserischen Druck des internationalen Kapitals betreiben Gewerkschaften Standortpolitik, statt internationale Solidarität der Beherrschten zu forcieren. Sie berufen sich auf den nationalen Rahmen – sie haben ja gar keine andere Wahl, weil die Mittel der Gegenwehr auch nur im nationalen Rahmen vorhanden sind.

Eine weitere Erkenntnis: Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen muss nicht automatisch zu mehr Rechtspopulismus führen. Sondern: Diese Prekarisierung liefert einen „Problemrohstoff“ – Existenzsorgen, Unsicherheit, Ungleichheit – der politisch verarbeitet wird. Wie diese Verarbeitung geschieht, ob daraus linke oder rechte Orientierungen entstehen, ob Menschen sich in den politischen Prozess einbringen oder davon entfremden: Das wird wesentlich von den politischen Akteur_innen mitgestaltet.

Warum also konnten linke und progressive Bewegungen diesen „Problemrohstoff“ nicht verwerten – oder zumindest deutlich weniger effektiv als rechte Bewegungen? Diese Frage stellt sich vor allem deswegen, weil es in den frühen 2000ern, und dann nochmal verstärkt nach der Finanzkrise 2008, in der Industriearbeiter_innenschaft durchaus weit verbreitete Kritik an den sozialen Verhältnissen und am kapitalistischen System gab. Dörre dazu: „Kapitalismuskritik ist nicht unbedingt progressiv.“ Er verweist auf die produktivistische Grundhaltung im Alltagsbewusstsein der Arbeiter_innenschaft: Die eigene Leistungsfähigkeit wird oft damit verbunden, andere implizit abzuwerten, die angeblich nichts leisten (siehe dazu auch das Gespräch zwischen Jörg Flecker und Willi Mernyi zum Thema Solidarität). Politische Akteur_innen könnten diese Verbindung – von eigener Leistungsfähigkeit und Abwertung Anderer – zwar auflösen. „Aber wie ist das mit einer Sozialdemokratie, die Hartz IV verabschiedet hat? Denen glaubt man nicht, dass sie ernsthaft an einer Verbesserung der Lage interessiert sind. Das hat tiefe Erschütterungen ausgelöst in Deutschland.“ Und auch die deutsche Linkspartei hat in Regierungsverantwortung auf Landesebene in den Augen der Menschen wenig oder nichts verändert, und hat dadurch sowohl ihre Glaubwürdigkeit, als auch ihre Protestfunktion verloren.

Die rechte Tiefengeschichte

Was tun? Was nicht helfen wird ist, rechte Tendenzen in der Arbeiter_innenschaft entweder totzuschweigen, oder sich schrittweise politisch an rechte Ideologie anzupassen. Denn: „Anpassung und Wegschauen bedeutet in der Regel, dass im Verborgenen wächst, was öffentlich nicht beachtet wird.“ Was ist da in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen, hat sich immer weiter verfestigt und radikalisiert?

In Anlehnung an die US-amerikanische Soziologin Arlie Hochschild bezeichnet Dörre die dahinterliegende Weltsicht als „rechte Tiefengeschichte“ – eine Geschichte, die nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen muss, sich aber für viele Menschen anfühlt wie die Wahrheit. Diese Geschichte lautet so: Wir stehen in der Warteschlange am Fuß des Berges der Gerechtigkeit und warten darauf, dass das Versprechen unseres sozialen Aufstiegs endlich eingelöst wird. Aber es geht nichts weiter, und ständig gibt es neue Gründe dafür: Globalisierung, Euro-Krise, Flüchtlingskrise und so weiter. Dann kommen die Geflüchteten und ziehen einfach an unserer Warteschlange vorbei. Jahrelang wurde uns gesagt dass wir den Gürtel enger schnallen müssen – aber für die ist dann plötzlich Geld da.


Wie begegnet man so einer Erzählung? Wie reagiert man auf die rassistischen und fremdenfeindlichen Ressentiments, die daraus erwachsen?

Erstens, so Dörre, müssen wir dem rationalen Kern rechtspopulistischer Erzählungen mehr Aufmerksamkeit widmen. Denn auch im Weltbild der autoritären Rechten gibt es ein Körnchen Wahrheit; jedes Weltbild muss auf realen Erfahrungen gründen, sonst ist es in sich brüchig. Wenn also die AfD Thüringen sagt: „Altersarmut ist ein Problem, daher fordern wir höhere Pensionen, aber nur für deutsche Staatsbürger_innen!“, dann hat man als linke politische Akteurin die Wahl: Entweder man weist die gesamte Aussage zurück, beleidigt die Leute als rassistisch und überlässt sie sich selbst. Oder man interpretiert die Forderung von links um, indem man die richtigen Argumente aufgreift und den letzten Punkt hart kritisiert. Ersteres bezeichnet Dörre als Kommunikationsblockade, mit der man jede Debatte im Keim erstickt; letzteres als wichtige Form der Auseinandersetzung, die wir erst lernen müssen.

Um das zu lernen braucht es laut Dörre, zweitens, dringend Foren der Reflexion: Orte innerhalb der Arbeiter_innenbewegung, wo Menschen ihre Sorgen und Vorurteile aussprechen können – selbst wenn diese weit jenseits der Grenzen dessen liegen, was in einem linken Umfeld politisch als akzeptabel gilt – und wo diese Sorgen und Vorurteile dann produktiv bearbeitet werden. Das ist nicht ganz einfach, weil „zu den Anti-Rassismus-Seminaren kommen nicht die Rassisten“. Ein mögliches Experiment: Drei Veranstaltungen, gut vorbereitet und moderiert – eine erste mit Betriebsrät_innen und Gewerkschaftsaktivist_innen, die mit rechts sympathisieren; eine zweite mit klar antirassistischen und antifaschistischen Gewerkschafter_innen; und eine dritte, wo man die beiden Gruppen zusammenbringt.

Drittens muss man der rechten Tiefengeschichte eine progressive Erzählung entgegenstellen – eine linke Tiefengeschichte. Diese Geschichte muss Solidarität und Gleichwertigkeit mit Sinnstiftung und Befriedigung verbinden. Und sie braucht einen realen Kern, muss auf echten, erlebten Erfahrungen aufbauen: Nämlich auf der Grunderfahrung, dass wir Menschen einander solidarisch begegnen und gemeinsam unsere Welt gestalten und verändern können. Dörre abschließend: „Aus meiner Sicht ist die befriedigende Grunderfahrung solidarischer Sozialbeziehungen der Stoff, aus dem eine neue, demokratische, öko-sozialistische Erzählung erwachsen kann.“


Zum Autor

Klaus Dörre ist Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er ist Direktor des DFG-Kollegs Postwachstumsgesellschaften, Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, sowie Mitherausgeber des Berliner Journal für Soziologie und des Global Dialogue. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Kapitalismustheorie, Prekarisierung von Arbeit und Beschäftigung, Arbeitsbeziehungen, soziale Folgen der Digitalisierung sowie Rechtspopulismus.

Leseempfehlung

„In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte“, Klaus Dörre (Verlag Westfälisches Dampfboot, 2020)

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