Wissenschaft & Politik Der Wissenschafts-Blog des Karl-Renner-Instituts

Portraitiert: Benjamin Herr beforscht Arbeit auf dem Fahrrad und im Homeoffice

Der Soziologe Benjamin Herr will, dass seine Forschung dazu beiträgt, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Mit diesem Ziel arbeitet er am Institut für Soziologie der Universität Wien als Doc-Team-Stipendiat der ÖAW und schreibt dort seine Dissertation. Warum sein erstes Buch den Titel „Ausgeliefert“ trägt, und warum er nach der Geburt seiner ersten Tochter von Harald Mahrer geträumt hat, lest ihr hier.

Das Gespräch führen wir während des zweiten Lockdowns Anfang Dezember über Zoom – und landen damit direkt bei Benjamins aktuellem Forschungsthema: Im Rahmen des Projekts „ICT-enabled boundaryless work“ untersucht er, wie durch Informations- und Kommunikationstechnologie, durch die steigende Bedeutung von Computer, Smartphones und Internet, die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben verschwimmen. Als er 2017 gemeinsam mit Kolleg_innen aus der Soziologie und der Psychologie an diesem Projekt zu arbeiten begann, konnte er noch nicht ahnen, dass das Jahr 2020 diese Grenzen für viele Menschen völlig auflösen würde, oft in einem Balanceakt zwischen Homeoffice und Homeschooling. Und auch in seinem eigenen Leben sorgten die Geburten seiner beiden Töchter in den vergangenen Jahren für die eine oder andere Planänderung – unter anderem dafür, dass sich das Ende seines Forschungsstipendiums aufgrund von zwei Babypausen so weit nach hinten verlagerte, dass er die Untersuchung von Homeoffice-Erfahrungen im Frühling 2020 noch in seine Forschungsarbeit hineinnehmen konnte.

 Schlüsselbegriffe in Benjamins Forschungsarbeit
  
Ausbeutung: Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit schlägt sich im Erwerbsverhältnis nieder, er materialisiert sich dort und ist in dieser Form rechtlich abgesichert. Das Erwerbsverhältnis sieht Benjamin nicht als Tausch unter Gleichen, sondern als Ausbeutungsverhältnis. Die Arbeitenden bekommen nicht den vollen Wert dessen was sie produzieren; die Kosten und Risiken der Produktionsweise werden an die öffentliche Hand und an die einzelnen Leute ausgelagert. 
  
Klasse und Klassengesellschaft: Klasse ist ein soziales Verhältnis. Die Klassengesellschaft wird durch dieses soziale Verhältnis definiert, nicht durch unterschiedliche Ausstattung mit Kapitalien – wie Benjamin in wertschätzender Abgrenzung zur Bourdieu’schen Sichtweise betont. 
  
Gewerkschaften, Sozialdemokratie und linke Politik: „Für mich ist Sozialforschung auch eine Form von politischem Handeln. Die Fragestellungen, die ich wissenschaftlich untersuche, sind an Menschen adressiert. Ich mache nicht Sozialforschung, um der Wirtschaftskammer zu gefallen, sondern um Wissen zu erzeugen, das politische Entscheidungen unterstützen kann, die darauf abzielen, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen.“ 

Benjamin hat – beeindruckend für einen Prä-Doc Wissenschafter – bereits ein Buch publiziert: „Ausgeliefert. Fahrräder, Apps und die neue Art der Essenszustellung“. Auch wenn die – aktuell grünen und orangen – Fahrrad-Essenszusteller_innen heute nur schwer aus dem Stadtbild wegzudenken sind, so gibt es sie doch erst seit ein paar Jahren. In Wien tauchten die – damals pinken – Fahrräder und Essensrucksäcke erstmals im Mai 2016 auf, und erweckten Benjamins Interesse: Wer sind diese Leute? Was ist das für ein Unternehmen? Im Herbst desselben Jahres, nachdem er die Master-Arbeit abgeschlossen hatte, den Doc-Stipendiums-Antrag eingereicht hatte und auf eine Antwort wartete, begann er mit der Feldforschung: Von Oktober 2016 bis Februar 2017 lieferte er selbst am Fahrrad Essen aus – und motivierte sich in diesen kalten, nassen Monaten damit, nicht nur für seine Arbeit bezahlt zu werden, sondern auch Wissen über diese neue Arbeitsform zu generieren.

Was hat er also herausgefunden? Erstens: Flexibilität bedeutet oft nichts anderes als Prekarität. „Es ist so ein Marketing-Sprech. Man muss immer fragen: Welche Form von Flexibilität, wer steuert Flexibilität, wem nützt Flexibilität? Deshalb habe ich das Buch auch ‚Ausgeliefert‘ genannt. Einerseits geht es darum, dass man etwas ausliefert, andererseits aber eben auch darum, dass man Arbeitsbedingungen ausgeliefert ist.“

Die zweite Erkenntnis: Damit sich an den schiefen Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen nichts ändert, werden die einzelnen Arbeitenden möglichst stark voneinander isoliert, gewerkschaftliche Organisierung behindert und soziale Räume geschlossen. So gab es beispielsweise bis Frühling 2017 eine kleine Garage, einen Ort für die Radler_innen eines der Essenszustell-Unternehmen, wo sie ihre Fahrräder reparierten, sich getroffen und gemeinsam Kaffee getrunken haben. Zur Schließung dieses Raumes kam es laut Unternehmen aus Kostengründen. Dass es aber gleichzeitig einen großen, zentral gelegenen Lagerraum gab, der seit Monaten leer stand, erregt allerdings den Verdacht dass der Grund für die Schließung möglicherweise doch nicht die Kosten waren. „Die Schließung macht schon Sinn in dieser Logik: Um die räumliche Fragmentierung, dieses Isolieren von Arbeiter_innen aufrecht zu erhalten. Weil auch wenn räumliche Nähe nicht zwangsweise zu Solidarität, Kollektivität, Handlungsmacht führt, dann ist es aber doch eine wichtige Rahmenbedingung. Wenn man die räumliche Trennung aufrechterhält, ist es einfacher, Arbeiter_innen zu steuern.“

Die Aktienwerte von Fahrrad-Essenszustell-Unternehmen haben sich in den letzten Monaten, vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, verdoppelt; es liegt nahe, Essenszustellung als systemerhaltend einzuordnen. Das wäre ein guter Moment für einen Aufstand der Beschäftigten – aber so einem Aufstand muss ein gewerkschaftlicher Organizing-Prozess vorangegangen sein, und daran fehlt es leider, stellt Benjamin fest.

Fotocredit Titelbild: Michael Mazohl

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