Wissenschaft & Politik Der Wissenschafts-Blog des Karl-Renner-Instituts

Portraitiert: Hannah Quinz beforscht Langzeitarbeitslosigkeit & Vermögenserbschaft

Die Soziologin Hannah Quinz arbeitet an der wissenschaftlichen Begleitung des weltweit einzigartigen Arbeitsplatzgarantie-Projekts des AMS NÖ. Sie ist Universitätsassistentin am Institut für Soziologie der Universität Wien und stellt soziale Ungleichheit ins Zentrum ihres Forschungsinteresses – von der individuellen und sozialen Bedeutung von Langzeitarbeitslosigkeit bis zu den Lebensgeschichten von Vermögenserb_innen.

Was Arbeitslosigkeit mit Menschen macht, wissen wir seit der berühmten Marienthal-Studie: „Arbeitslosigkeit führt zu Resignation, nicht zur Revolution.“ (Maria Jahoda) Genau das Umgekehrte untersucht Hannah Quinz aktuell in dem Forschungsprojekt „Marienthal.reversed“: Wie geht es Menschen, die schon lange arbeitslos sind, damit, wenn ihnen plötzlich ein Arbeitsplatz garantiert wird? Wie empfinden sie dieses Recht auf Arbeit? Wie verändern sich Lebenszufriedenheit, Gesundheitsverhalten, Alltagsgestaltung? Wie entwickelt sich die Einbindung in das soziale Gefüge der Gemeinde? „Hier ist alles denkbar in einer Gesellschaft, die so stark vom Leistungsgedanken getrieben ist.“ Gemeinsam mit Jörg Flecker begleitet Hannah in dieser dreijährigen Studie das „Modellprojekt Arbeitsplatzgarantie“ des AMS Niederösterreich.

In einem anderen Forschungsprojekt will sich Hannah mit der Bedeutung von Anerkennung, Leistung und Gesundheit in prekärer Arbeit auseinandersetzen; gemeinsam mit zwei Kolleg_innen hat sie dafür eben einen Forschungsförderungs-Antrag eingereicht.

Schlüsselbegriffe in Hannahs Forschungsarbeit
 
Anerkennung und soziale Wertschätzung: Ist enorm wichtig für den Menschen und sein Wohlbefinden, prägt das soziale Zusammenleben, ist für viel zu viele nicht ausreichend vorhanden.
 
Leistung: Ein Grund warum Anerkennung und Wertschätzung fehlen: Es gibt ein ganz bestimmtes, gesellschaftlich geteiltes Leistungsverständnis, bei dem einerseits nur Erwerbsarbeit und andererseits zunehmend nur noch ökonomisch verwertbarer Output bewertet werden. Dieses Verständnis lässt viele, gesellschaftlich sehr wichtige Dinge außen vor.  
 
Soziale Position und Habitus: Hannahs Verständnis des Klassenbegriffs, nämlich: „Wie sind Menschen im sozialen Raum aufgrund ihrer Herkunft und des Kapitals, das ihnen zur Verfügung steht, positioniert – und wie haben sie diese Disposition verinnerlicht?“

Vermögensungleichheit: Das reichste 1% der österreichischen Bevölkerung besitzt 40% des Vermögens. Zwar ist der Sozialstaat so etwas wie das Vermögen aller, deswegen besitzen auch die vielen, vielen Menschen, die nichts haben, etwas. „Trotzdem sind das unglaubliche Dimensionen.“

Im Zentrum von Hannahs Forschungsarbeit steht also soziale Ungleichheit – allerdings begrenzt sie sich dabei nicht auf die Untersuchung von Armut und Benachteiligung, im Gegenteil: In ihrer Master-Arbeit untersuchte sie, wie Vermögenserb_innen ihre eigene Lebensgeschichte darstellen und ihre privilegierte soziale Position legitimieren. Dafür führte sie problemzentrierte Interviews mit sieben Vermögenserb_innen und wertete Teile davon mit Feinstrukturanalyse aus, einer Methode die sie als Studienassistentin bei Prof.in Ulrike Froschauer am Soziologie-Institut der Uni Wien näher kennenlernte. Diese Methode arbeitet heraus, wie einzelne Wörter verwendet werden und was zwischen den Zeilen steht – eine langwierige, aber ergiebige Analysemethode: „Es steckt so wahnsinnig viel drinnen in dem, was Menschen einem erzählen. Und am Ende, wenn man mehrere Interviews ausgewertet hat, sieht man die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Interviews und die groben Linien, die sich dabei ergeben.“

Die überraschendste Erkenntnis aus den Interviews: Keine einzige der befragten Personen stellte die eigenen Privilegien in Frage, die sie durch das Vermögenserbe genossen. „Ich bin total offen ins Feld gegangen und habe gedacht, es gibt sicher bei der einen oder anderen Person Zweifel oder ein gewisses Ungerechtigkeitsempfinden in Bezug auf die eigenen Privilegien. Aber das war überhaupt nicht da.“ Das Zitat für den Titel der Master-Arbeit („Es wird das Glück des Menschen viel zu sehr an sein wirtschaftliches Vermögen gekoppelt.“) lieferte schließlich ein Interview mit einem Arzt. Er erzählte ausführlich von seinen Spenden und Hilfsleistungen, von seinen Gedanken über Armut und Ungerechtigkeit – und kaum ging es um Vermögen, wurde aus Ungleichheit individuelles Glück und aus dem Ungerechtigkeitsempfinden anderer Neid – für Hannah „eine total unerwartete Wendung im Interview“. Politisch beschäftigt Hannah die Frage, wie man diesem stark verfestigten Narrativ etwas entgegensetzen kann – denn damit legitimieren Reiche ja nicht nur ihr eigenes Vermögen, sondern auch gesellschaftliche Machtansprüche.

Fotocredit Portrait Hannah Quinz: Paula Quinz

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